Kirsten Schwert: Wie meinen allerliebsten Gast

An einem Tag, der sich öffnete wie diese vielen anderen, laut, aufdringlich, mit dem Scheppern des Weckers, dem pulsierenden Pochen des Kopfes, den vielen Gedanken, was ich alles zu tun hatte, längst bevor mein Körper den Rhythmus der Zeit einholte, wusste ich plötzlich: Es sollte nicht mehr länger so sein; dieses eintönige Vergehen der Tage, unerwünscht, als wenn sie ohne Ende wären, als wäre das alles nichts, als wären sie dazu da, die Menschen in Bewegung zu halten, um doch auf der Stelle zu stehen und ich schloss meine Augen wieder –für einen Moment- damit ich sehen konnte, was dahinter lag.

Und ich schaute auf mich als Kind, seilspringend, durch Pfützen hüpfend, die längst nassen Socken in der Hand und das Lächeln im Gesicht. Später würde ich nach Hause laufen und kaum warten können, dass jemand mir die Tür öffnete, damit ich erzählen konnte von diesem einzigen Tag; war doch jeder Moment eine neue Welt für mich, der Spatz, der nicht aufflog, als ich mich dicht neben ihn setzte, der glänzende Stein, den ich am Bach gefunden hatte, die Frage von Philipp, ob ich zu seinem Geburtstag käme. Und dann, am Abend voller Vorfreude auf den nächsten Tag, wissend, dass ich in wenigen Stunden wieder geweckt würde von seinem einladenden freundlichen Kuss, der mich an das Bett meiner Eltern trieb, die, wie ich jetzt, mit einen Stöhnen auf den Wecker schauten, während ich doch wusste, dass es nichts Schöneres geben konnte als das Abenteuer eines Tages.

Und ich öffnete meine Augen und wusste, dass es wieder so sein könnte, ich könnte zu Fuß zur Arbeit gehen, durch den Park und schauen, ob die Eichhörnchen schon wieder um die Wette liefen und später, später könnte ich Philipp anrufen, den ich schon seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte und ich spürte, wie das Pochen aus meinem Kopf sprang und meine Füße sich ausstreckten, um diesen neuen Tag zu begrüßen und zu empfangen wie meinen allerliebsten Gast.

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