Zwischen Himmel und Erde – Eine Weihnachtsgeschichte

Müde war sie. Erschöpft. Die letzten Monate waren schwierig gewesen. Da war die beste Freundin, die plötzlich den Kontakt abbrach und sie nicht einmal wissen ließ, warum. Da war der Auftrag, für den sie so viel gearbeitet hatte und dann erfahren musste, dass die Firma längst zahlungsunfähig war. Und dann war da noch der Satz ihres Arztes: „Sie müssen mehr auf sich achtgeben.“

Sie hatte schon bessere Jahre erlebt.

Müde war sie. Erschöpft. Sie schob das Weihnachtspaket, das der Bruder schon jetzt geschickt hatte, in den Schrank. Doch was war das  – dahinten in der Ecke? Neugierig zog sie daran. Es war eine alte Schachtel. Die Pappe war brüchig und vergilbt. Was mochte darin sein? Sie setzte sich mit ihrem Fund auf ihren gelben Lieblingssessel und nahm vorsichtig den Deckel ab.

Unwillkürlich lächelte sie – wie hatte sie ihn vergessen können? Und sie konnte nicht anders: Sie ließ ihre Finger über das kalte Metall gleiten. Wie glatt er sich noch immer anfühlte! Nur ein wenig stumpf war er geworden. Mit ihren Fingerspitzen fuhr sie seine Umrisse nach. Hoch und runter. Hoch und runter. Und mit jeder Bewegung ihrer Finger kam sie zurück: Die Erinnerung an diesen besonderen Tag – der Moment, als ihr der Vater von den Kräften dieses Sterns erzählte.

Später hatte sie ihn vergessen, die Erinnerung an die Seite geräumt, so wie Kinder den geliebten Teddy, den geliebten Stoffhasen, irgendwann doch einmal beiseite räumten, weil etwas anderes wichtiger geworden war. Doch nun war die Erinnerung wieder da, unter ihren Fingerspitzen, pulsierte dort und ließ keinen anderen Gedanken mehr zu.

„Zwischen Himmel und Erde“, flüsterte sie, während ihre Finger weiter über den Stern glitten, diesen Stern, der in ihrer Kindheit immer an der Spitze des Weihnachtsbaumes thronte, seine eigenen Spitzen nach oben und unten reckte, so als wäre er die Verbindung zwischen Himmel und Erde.

So lange war es her. Und doch so nah. Es war ihr, als sähe sie nun den Vater und sich selbst. Damals. Vor so vielen Jahren. Sie war sechs Jahre alt. Sie schaute dem Bild zu, das vor ihren Augen tanzte.

„Jetzt bist du alt genug, dass ich dir das Geheimnis dieses Weihnachtssterns erzählen kann“, sagte der Vater. Dabei hielt er den Stern so vorsichtig in der Hand, als hielte er darin einen kleinen Vogel, den er vor der Katze schützen müsste, bis er den Stern zur Spitze emporhob und ihm den Platz zukommen ließ, auf den er das ganze Jahr über gewartet hatte.

Und dann, so als ob damit Weihnachten schon angefangen hätte, lächelte der Vater. Dabei schaute er sie an und flüsterte: „Wünsch Dir was.“

„Kann man sich von diesem Stern etwas wünschen?“, fragte sie aufgeregt.

Sie hatte sich doch schon alles vom Christkind gewünscht! Die neuen Turnschuhe, das Springseil und die große glitzernde Murmel aus dem Fenster des Spielzeuggeschäftes! Und jetzt durfte sie sich noch etwas von diesem Stern wünschen?

Der Vater lächelte. „Ja“, sagte er. „Denn dieser Stern ist ein ganz besonderer Stern. Er ist ein Wunsch-Erfüller-Stern. Nur wird dieser Stern dir deine Wünsche auf andere Weise erfüllen als das Christkind. Er prüft über das Jahr deinen Wunsch – er schaut, ob dir dieser Wunsch wirklich wichtig ist und“ – hier machte der Vater eine Pause und ging in die Knie, sodass er ihr in die Augen schauen konnte, „er schaut, ob er dich größer macht.“

Größer? Wie konnte ein Stern dafür sorgen, dass sie größer wurde?

„Aber ich wachse doch von allein“, sagte sie und hielt ihre Hand auf ihren Kopf. „Schau doch mal, wie groß ich schon bin!“

Der Vater lachte.

„Ja, du wirst von ganz allein größer. Doch der Stern sorgt dafür, dass du von innen wächst.“

Sie schaute auf ihren Bauch. Würde er von innen immer größer und größer werden, bis sie möglicherweise platzte? Vielleicht war es besser, sich lieber nichts von diesem Stern zu wünschen?

„Nein, so meine ich das nicht.“ Der Vater schien ihre Gedanken lesen zu können. Denn nun erklärte er ihr, wie er das meinte, das mit dem von innen wachsen: „Wenn man von innen wächst, fühlt sich das an wie eine Umarmung, die man sich selbst schenkt.“

„So gut wie deine Umarmung? Oder die von Mama? Oder die von Opa Wim?“ Das hörte sich gut an. Denn davon konnte sie kaum genug bekommen: Wenn sie sich das Knie aufgeschlagen hatte. Oder wenn die Mutter keine Zeit gehabt hatte, weil der kleine Bruder ständig heulte. Oder weil es einfach schön war, einen so lieben Menschen so nah an sich selbst zu riechen.

„Noch viel besser“, sagte der Vater leise. „Weil du dich immer dann umarmen kannst, wenn du es brauchst. Und du wirst merken, wenn du das kannst, dann wirst du groß – von innen.“

„Und was muss man sich wünschen, damit man von innen wächst?“, fragte sie den Vater und schaute auf den Stern, der im Schein der Lichterkette zu glitzern begann, so als wüsste er, dass dieses ein ganz besonderer Moment war: Ein Sternenmoment.

„Das wirst du irgendwann wissen“, sagte der Vater.

„Und dabei kann auch nichts schiefgehen?“, fragte sie mit einem vorsichtigen Blick auf ihren Bauch.

„Nein, ganz bestimmt nicht. Das einzige, was dir passieren kann, ist, dass der Stern dir deinen Wunsch nicht erfüllt – weil er nicht wichtig genug war oder weil er dich eben nicht größer macht.“

„Dann möchte ich mir von diesem Stern sehr gerne etwas wünschen.“ Sie schaute nach oben auf den Baum. Sie hatte schon eine Idee, was sie sich wünschen würde. Diesen Wunsch hatte sie schon so lange.

„Lieber Stern“, sagte sie feierlich, „dieses Jahr wünsche ich mir von dir … einen Hamster.“ Vom Christkind würde sie schließlich keinen bekommen – weder die Mutter noch der Vater mochten Tiere, die im Haus lebten.

Für einen Moment brach das Bild ihrer Erinnerung ab. Natürlich hatte sie keinen Hamster bekommen. Auch nicht das Pony, das sie sich im nächsten Jahr wünschte.

Das Bild kam wieder. Schon wieder Weihnachten. Ein Jahr später. Der Stern am Weihnachtsbaum. Zwischen Himmel und Erde.

„Wünsch dir was“, flüsterte der Vater.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, dieses Jahr wünsche ich mir nichts. Der Stern kann gar keine Wünsche erfüllen.“ Sie wollte nicht wieder das ganze Jahr darauf hoffen, dass ihr Wunsch dieses Mal ein richtiger Sternenwunsch gewesen war, um dann endgültig zu wissen, dass ihr Wunsch wieder nicht erfüllt werden würde.

„Hast du denn vergessen, was ich dir über den Stern erzählt habe? Dass er über das Jahr deinen Wunsch prüft und schaut, ob er dich größer macht?“ Der Vater schaute sie an.

„Nein. Aber ich weiß einfach nicht, was ich mir wünschen kann, was groß genug für diesen blöden Stern ist!“ Wütend hatte sie zu dem Stern aufgeblickt, der ihr in diesem Jahr wie ihr Nachbar in der Schule vorkam: Angeberisch. Nichts als angeberisch. Ohne wirklich etwas zu sagen zu haben.

„Irgendwann wirst du es wissen“, sagte der Vater und schaute lächelnd zum Stern, so als ob dieser ihm seinen Wunsch schon längst erfüllt hatte.

Sie hatte es dann noch ein paar Mal probiert – doch in keinem Jahr war es ihr gelungen,  – nie schien ihr Wunsch groß genug, als dass der Stern ihn ihr übers Jahr erfüllte, nie hatte ihr Wunsch sie von innen größer gemacht und sich angefühlt wie eine wunderbare Umarmung, die sie sich selber schenkte. Und so hatte sie schließlich irgendwann aufgehört mit dem Wünschen.

Das Bild wurde blass, draußen hupte ein Auto und in der Küche meldete ein Piepen, dass die Spülmaschine fertig war. Doch sie schaute wieder auf den Stern, so als ob es nichts anderes gäbe in diesem Moment als diesen Stern und das, was der Vater darüber gesagt hatte.

„Zwischen Himmel und Erde“, flüsterte sie und hob den Stern vorsichtig aus seiner Schachtel. Glatt und kalt lag er in ihrer Hand.

Sie drehte den Stern langsam um. Was war das? Kalt und glatt lag der Stern in ihrer Hand, doch nun glänzte er. Es schien, als wäre diese Seite noch bedeckt vom Glanz ihrer Kindheit. Sie sah ihr eigenes Spiegelbild. Und dann, plötzlich, sah sie noch etwas ganz anderes. Und sie begann zu lächeln wie der Vater gelächelt hatte, als er auf den Stern schaute.

Müde war sie. Erschöpft war sie. Die letzten Monate waren schwierig gewesen. Ja. Doch das war nicht alles gewesen.

Sie wusste nicht, warum da plötzlich diese anderen Bilder waren, doch es war ihr, als hätte der Stern auch in ihr etwas umgedreht. Etwas sichtbar gemacht, was die ganze Zeit schon da gewesen war. Nur von ihr vergessen, so wie sie den Stern vergessen hatte.

Und es war, als bekäme der Tag eine andere Farbe, es war, als würden die Probleme mit der Freundin, die keine Freundin mehr war, der unbezahlte Auftrag, die gesundheitlichen Probleme, ja, selbst die Erschöpfung dieses Tages immer kleiner werden, so als wären sie plötzlich nicht mehr wichtig.

Stattdessen war da das Bild der Nachbarin, die sie immer wieder zum Lachen brachte, die tollen Menschen, denen sie in diesem Jahr begegnet war. Das Gefühl, das da war, als sie den Wettbewerb für die Ausschreibung gewann – obwohl ihr alle gesagt hatten, dass sie wohl keine Chance haben würde. Der Tag, als der Bruder ihr erzählte, wie wichtig sie für ihn als Kind gewesen war.

Und plötzlich wusste sie es. Der Vater hatte Recht gehabt: Der Stern sorgt dafür, dass du von innen wächst. Nur eines hatte der Vater ihr nicht richtig erklärt: Es war nicht der Stern, der Wünsche erfüllte und prüfte, ob sie groß genug waren und ob sie einen von innen wachsen ließen. Dafür war sie selbst zuständig. Ein Stern konnte nur den Weg zeigen, so wie ihn der Stern von Bethlehem damals den drei Heiligen Königen nur gezeigt hatte. Gehen muss man den Weg selbst. Gehen konnte man den Weg selbst.

Sie schaute auf den Stern, der noch immer funkelnd in ihren Händen lag, glatt und warm. Sie schaute auf die schönen Bilder aus dem letzten Jahr. So viele schöne Momente. So ein gutes Jahr.

„Danke, mein lieber Weg-Stern“, flüsterte sie eine ganze Weile später.

Und sie fühlte, wie schon jetzt, noch Tage vor Weihnachten, sich etwas in ihr ausbreitete, das sich anfühlte wie eine Umarmung, die sie sich selber schenkte.

Und ja, sie fühlte es. Es war, als würde sie von innen wachsen.

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2 thoughts on “Zwischen Himmel und Erde – Eine Weihnachtsgeschichte”

  1. Liebe Kisten Schwert ,
    das war eine schöne und auch sehr nachdenkliche Geschichte . Viele Menschen haben leider verlernt, sich auch an schönen , kleinen Dingen zu erfreuen. Ich hoffe , das diese Geschichte Menschen zum Nachdenken anregt.
    Vielen lieben Dank
    E.Barrakling-Schmidt

    1. Liebe Elke Barrakling-Schmidt,
      ich freue mich, dass Ihnen meine Weihnachtsgeschichte gefallen hat.
      Und ja, oft genug sind es die kleinen Dinge, die das Leben einfach größer machen.

      Herzliche Grüße und ein wunderbares Weihnachtsfest
      Kirsten Schwert

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